Frühjahrskonzert in der Stiftskirche 2017

Autor: Bernd Neuschl | Medium: Badische Neue Nachrichten | Datum: 25. März 2017

Reformationssinfonie auf hohem Niveau gemeistert

Chor und Orchester des Melanchthongymnasiums Bretten konzertieren in der Stiftskirche / Brilliante Solisten

Während das Portrait von Luther vom Pfeiferturm über die Altstadt wacht, wird in der Stiftskirche der Reformation gedacht: Felix Mendesssohn-Bartoldy komponierte zum 300. Jahrestag des Augsburger Bekenntnisses seine Sinfonie Nr. 5 und das Sinfonieorchester am Melanchthongymnasium Bretten interpretierte jenen sakralen Opus auf erfreulich hohem Niveau. Schulleiterin Elke Bender sprudelte vor Lob schier über, als sie am Ende Chor und Orchester zu “zwei Juwelen” adelte. Mit Recht.
Der MGB-Chor hatte sich vorab zu Schuberts G-Dur Messe hinter dem Orchester aufgereiht. Nun gilt G-Dur als die festliche Tonart schlechthin. Die mitreißende Sängerschar fabrizierte Dank Marianne Abeles schwungvollem Dirigat eine herrlich helle Klangfreude. Die sauber intonierten Einsätze kamen auf den Punkt, die Höhen gerieten derart klangvoll, dass die eigentlich schlichte Liedhaftigkeit dieser Messe geradezu veredelt wurde. Im “Credo” wagte sich der Chor vom eher weihevollen Tuttigesang hier und da in ein schubkräftiges Forte.
Zwischen Orchester und Chor formte Abele eine geschmeidige Klangbalance, die Bariton Dieter Schweigel und Sopranistin Violetta Hellwig viel Raum zur ausgestaltenden Entfaltung gab. Der “Sanctus” kam majestätisch, aber nie träge schreitend daher, Schweigel und Hellwig harmonierten wunderbar, konnten aber auch als Solisten einen voluminösen strömenden Kontext technisch und künstlerisch ausfüllen: Schweigel mit gestähltem, aber sanft schwingenden Brustton, Hellwig mit einem wohldosierten Klangvolumen, dass hernach umso zarter aufknospen konnte.
Die Programmauswahl an sich hätte einen Extraapplaus verdient gehabt. Von Jean Sibelius legte das Orchester den berühmten “Valse triste Opp. 44″ auf. Hier wob Carolin Wandel einen dunklen, samtigen Klangteppisch, der harmonisch beklemmend an das Thema Tod anknüpfte. Das Rubato wirkte ohne Verzöhgerungstatktik statisch, der Klang folglich gewollt öde, aber nie langweilig. Spätestens als sich tänzerisch triste Walterrhythmen aus diesem Kokon herausschälten war klar, dass dieses Werk nicht mit dem Charme eines Wiener Walzers zu kokettieren versucht, sondern vom Orchester als programmatisch empfunden wird: Memento mori! Eine erstaunlich reife Leistung. Acht hauseigene Cellisten standen danach mit Villa-Lobos “Aria” aus dem “Bachianas Brasileiras No. 5″ im Vordergrund. Wenn der formal strenge Barock hier auf brasilianische Klangkunst trifft, dann gibt es mit Sopranistin Violetta Hellwig ein anrührendes Hörerlebnis. Ihre flirrenden Vokalismen glühten mit den vitalen Cellisten am Ende regelrecht aus. Dann die Erkenntnis, dass sich das Orchester in Sachen Klangkultur ohrenkundig immer weiterentwickelt. Mendessohns Fünfte Sinfonie lieferte den Beweis: Carolin Wandel taktiert nicht nur, sie erspürt, was zwischen den Noten steht und vermag die Aufführung so situativ auch zu befeuern. So wird die Sonatensatzform im Kopfsatz von den Schülern nicht nur spielerisch, sondern künstlerisch griffig entdeckt. Gut, dass “Allegro con Fuco” gerät zunächst zögerlich zupackend, und bewahrt so einen eher liturgischen Geist, ohne dass sich das “Andante” im monumental-orthodoxen erden mnuss. Das “Allegro Vivace” überrascht mit einer schwungvollen Ausgelassenheit. Die engagierte Intonation und das ohnehin gute Zusammenspiel festigen sich von Takt zu Takt, heikle Übergänge sind sauber erarbeitet und geraten so vortrefflich. Die famosen Solisten haben ihre Passagen vorbildlich verinnerlicht, so münden die Choralvariationen im Finale in einen höchst feierlich bebenden Schlussakkord. Dem abschließenden Lob der Schulleiterin war nichts hinzuzlufügen.

Bläser künden von erwachender Lebensfreude

Autor: Bernd Neuschl | Medium: Badische Neue Nachrichten | Datum: 21. März 2016

Auftritte des Sinfonieorchesters Bretten entpuppen sich als Frühlingserwachen pur

Als Frühlingserwachen pur entpuppten sich die Auftritte des Sinfonieorchesters Bretten, das am vergangenen Wochenende in der Oberderdinger Laurentiuskirche und der Brettener Stiftskirche konzertierte. Es ist schon erstaunlich, mit wie viel Hingabe die jungen Musiker und Freunde des Melanchthongymnasiums zu Werke schreiten. Schließlich ist vor allem Schumanns „Frühlingssinfonie“ unter technischen und gestalterischen Aspekten kein Sonntagsspaziergang. Hier wurde nicht mechanisch musiziert, Carolin Wandel ließ  dem großen Orchester vielmehr ertragreich sprudelnde Klänge entquellen. Nun wollte Schumann seine erste Sinfonie niemals als Programmmusik verstanden wissen. Dennoch drängten sich jene aufblühenden Frühlingsbilder seiner ersten Skizzen geradezu auf. So kündeten herrlich erhabene Blechbläser im ersten Satz von der erwachenden Lebensfreude, die dieser Jahreszeit innewohnt. Der Rest des Orchesters antwortete diesem Ruf zunächst mit Bedacht im Andante, um dann in jubelnde Takte voll Euphorie zu gleiten. Das lyrisch ergreifend ausgestaltete Larghetto war dagegen von schwärmerischen Phrasierungen geprägt, die aber auch Raum für sehnsuchtsvolle Abschnitte ließen. Der im Tempo gut gewählte Grundpuls fungierte unter Carolin Wandels hier und da dezent verzögernden Taktstock nicht als statisches Metrum, sondern als entschleunigendes Grundgetriebe des reibungslos agierenden Klangapparates. Das bezwingende Scherzo gab den Streichern reichlich Gelegenheit, ihr Können in Sachen Moll und Synkopenschärfe zu zeigen: Zupackend und konstant energiegeladen, wurde hier vorwärtsdrängend agiert, ehe die aufknospenden Soli der Holzbläser zum Rasten einluden. Und die Hornisten stießen zielsicher in ihre Hörner, als wollten sie zur Jagd rufen. Das abschließende Allegro meisterte das Orchester sattelfest im Tempo und farbenfroh im ertragreichen Ausdruck: Mal wuchtig, mal kokett tirilierend. Großer Applaus für eine großartige Leistung. Der Konzertauftakt konnte ebenfalls romantischer nicht sein, auch wenn Johannes Brahms in seiner „Akademischen Festouvertüre“ vier süffige Studentenlieder mit fein kultivierendem Zwirn eingenäht hat. Das Orchester reagierte auf das filigran-federnde Dirigat von Wandel überzeugend fröhlich, aber dennoch würdevoll. Mit ausgesuchter Akkuratesse wurde da musiziert. Konzertmeister Robert Gervasi am ersten Geigenpult lieferte hier eine klingende Visitenkarte seiner wichtigen Arbeit ab: Die Auf- und Abstriche waren homogen, selbst ein Wechsel des Bogenstrichs verlief über alle Pulte hinweg ohne Einschnitte oder ungewollte Betonungen. Mit zunehmender Oktavlage und Schützenhilfe der Bläserfraktion  steigerte sich auch die Intonation. Die „Streicherserenade e-Moll“ aus der Feder von Edward Elgar zeigte vor der Pause, dass die Arbeit der Musikpädagogen am MGB auf fruchtbaren Boden fällt: Die jungen Nachwuchskünstler spielten hier mit verblüffend künstlerischem Interesse und einem dynamischen Variantenreichtum, der sich im zweiten Satz noch weiter steigerte.  Aufmerksam und mit Bedacht wurde hier mit hingebungsvollem Herzen Musik gemacht. Diese schönen Klangmomente waren durchflochten von einem bewusst zaghaften Vibrato, welches das zarte Legato dezent veredelte. Der sanfte Abschlag von Carolin Wandel führte am Ende zu keinem Verwelken, sondern zu einem in fragiler Reinheit verblühenden Schlussakkord. Nach einem Moment des Innehaltens brandete der Applaus umso begeisterter auf. Wer das Orchester noch einmal hören möchte: Am 10. und 11. Juni tritt es gemeinsam mit dem Chor des Melanchthongymnasiums in der Brettener Stiftskirche auf. John Rutters „Mass of the Children“ wird dann zu Gehör gebracht. Nach dem Frühlingserwachen steht also die unbeschwerte Sommerfreude vor der Tür.

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Konzert Stiftskirche Bretten 2015 – Mystik mit Peer Gynt

Autor: Claudia Jordan | Medium: Badische Neue Nachrichten | Datum: 11. Mai 2015

Sinfonieorchester des Melanchthon-Gymnasiums zieht sein Publikum in ehrfürchtigen Bann

Spitz ragen die Bögen der Streichinstrumente in einem Halbkreis um Désirée Renz, Schülerin des Melanchthon-Gymnasiums Bretten, in die Luft. Sie muten wie bedrohliche Speere an, die in angespannter Bewegungslosigkeit verharren, während Désirée die Geschichte über Peer Gynt erzählt.
Der chronische Lügner und Aufschneider irrt auf der Suche nach sich selbst durch eine Welt wütender Trolle, gerissener Wüstenschönheiten und eingeschworener Dorfge-meinschaft. “Er entkommt den Trollen, die ihm die Augen auskratzen, ihn beißen und sogar schlachten wollen”, liest Désirée vor, schlägt das Heft zu und geht ruhig zurück zu ihrem Stuhl. Sie setzt die Violine an, und die erstarrten Geigenspeere um sie herum versetzen sich sanft in Bewegung, so dass die Musik des Sinfonieorchesters, das am Melanchthon-Gymnasium probt, den gesamten Kirchenraum erfüllt. Auf der Grundlage des Gedichtes von Henrik Ibsen komponierte Edvard Grieg die Orchstersuiten “Peer Gynt”.
Das 64-köpfige Sinfonieorchester besteht aus Oberstufenschülern und Lehrern des Gymnasiums, Ehemaligen und Freunden. “Die Erwachsenenbestetzung ist seit etwa elf Jahren stabil, während immer mal wieder neue Schüler dazu kommen oder gehen. So können wir das hohe Niveau unseres Orchesters halten”, erklärt Carolin Wandel, Lehrerin und Leiterin des Orchesters. Für dieses Konzert hat Wandel gemeinsam mit ihren Musikern die Ouvertüre “Nachklänge von Ossian” von Niels Wilhelm Gade, die Orchestersuiten “Peer Gynt” von Edvard Grieg und “Die Unvollendete” Sinfonie in h-Moll von Franz Schubert ausgewählt. “Welche Stücke wir auswählen, hängt auch immer von der vorhandenen Besetzung ab”, erklärt sie, “diesmal hatten wir zum Beispiel eine Harfe, der in “Nachklängen von Ossian” große Bedeutung zukommt.”
Hauptteil und Höhepunkt bilden die Peer-Gynt-Orchestersuiten, die Désirée Renz mit ihrer Lesung in kurze Teile bricht. Das Orchester versorgt die Zuhörer in der Kirche mit der passenden Musik zu den Bildern in ihren Köpfen. Die zupfenden Geigen geben die tippelnden Schritte des fliehenden Peer wieder, verfolgt von donnernden Trommel-schlägen – den stampfenden, wütenden und bedrohlichen Trollen. Entführt in eine andere Welt, scheinen auch die Musiker selbst zu sein, konzentriert starren sie auf ihre Notenblätter. Scheinbar wie von selbst bewegen sich ihre Streichbögen in wellen-förmigen Bewegungen in einem mystischen Tanz über die hölzernen Instrumente. Diese alles erfüllende, epische, durch Mark und Bein dringende Musik scheint so von den Instrumenten durch die Musiker hin zum Publikum zu fließen und es zu umhüllen. Die Zuhörer scheinen vor Ehrfurcht erstarrt, denn erst nach einigen Sekunden absoluter Stille trauen sie sich nach Ende des Stücks, eifrig Beifall zu klatschen.

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